Im Mittelpunkt von Creability steht die kreative, künstlerische Arbeit. Quasi nebenbei können die Teilnehmenden Empathie für andere Lebensrealitäten entwickeln, ihre Grenzen im respektvollen Rahmen testen sowie kognitive und emotionale Berührungsängste überwinden. Gefördert wird das Projekt über die Leitaktion 2 des EU-Programms Erasmus+ JUGEND IN AKTION.

„Dank der unterschiedlichen Perspektiven auf das Leben, gerade von Menschen mit Behinderung, wird Kunst bereichert“, davon ist Lisette Reuter überzeugt. Sie kann auf eine langjährige Erfahrung im Bereich der inklusiven künstlerischen Arbeit zurückblicken. Derzeit läuft unter ihrer Leitung noch bis Herbst 2020 das bi-nationale Projekt Creability. Es ist bei der „interdisziplinären, mixed-abled Performing Arts Company“ Un-Label angesiedelt.

Europaweit ist Un-Label einer der wenigen Akteure in der inklusiven künstlerischen Szene und besitzt mittlerweile einen hohen Bekanntheitsgrad. Un-Label investiert viel Engagement, (ehrenamtliche!) Arbeit und Zeit in Öffentlichkeitsarbeit: Sie bieten eine möglichst barrierefreie Webseite an (inklusive Gebärdenvideos und leichter Sprache), betreiben Netzwerkarbeit auf Veranstaltungen und Konferenzen, und veröffentlichen Newsletter und Publikationen). 2017 gewannen sie für ihre Arbeit den renommierten „The Power oft the Arts“-Award.

Projektpartner bei Creability auf griechischer Seite ist Costas Lamproulis, Leiter von SMouTh (Synergy of Music Theatre). Er beteiligt sich bereits seit 2013 an inklusiven Projekten mit Un-Label.

Ziel: Multiplikatoren für inklusive Arbeit fit machen
Es ist ein Menschenrecht, künstlerisch tätig zu werden. Daher ist die Nachfrage nach Tipps für die inklusive künstlerische Arbeit groß, das kann Lisette Reuter bestätigen. Sie kann aber auch verstehen, dass es für Unerfahrene in diesem Bereich eine große Hemmschwelle gibt, Projekte zu beginnen, sowohl inhaltlich als auch organisatorisch. Deswegen ist das Ziel des Projekts Creability von Anfang an gewesen, ein Handbuch mit Methoden aus den Bereichen Tanz, Musik und Performance zu entwickeln. Vor allem für Multiplikatoren (mit und ohne Behinderung), die keine Erfahrung mit inklusiver Arbeit haben, soll das Handbuch eine praktische Einstiegshilfe sein, die wissenschaftlich fundiert ist.

Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von dem Fachbereich Rehabilitationswissenschaften und kulturelle Bildung, Schwerpunkt Musik und Bewegung an der TU Dortmund unter der Führung von Prof. Dr. Susanne Quinten. Die TU Dortmund hat in diesem Bereich eine Sonderstellung und entwickelt innovative partizipative Forschungsmethoden und Lehrideen.

Für diese praktische Einstiegshilfe haben internationale Künstler/-innen und Trainer/-innen im Projekt Creability insgesamt 77 Methoden entwickelt. Und zwar unter der Prämisse: „Wie muss ein Tool adaptiert werden, damit es möglichst für alle zugänglich ist?“. Also für Menschen, die taub oder blind sind, oder kognitive bzw. körperliche Beeinträchtigungen haben.

Diese Tools hat die TU Dortmund nach wissenschaftlichen Kriterien und Vorgaben ausgewertet. Jetzt werden die Methoden in internen „national pilots“ auf griechischer und deutscher Seite von Menschen mit und ohne Behinderung getestet. So wie Ende März in Köln.

Tools werden getestet – Workshop in Köln am 30. und 31. März 2019
Es ist der zweite Tag des Workshops im Pusteblume-Zentrum in Köln. Am Tag zuvor wurden bereits sieben Tools ausprobiert. An diesem Tag ist die Zusammensetzung der Gruppe anders. Weitere sieben Methoden sollen heute getestet werden.

Zur Begrüßung stehen alle im Kreis. Trainerin Sarena gehört zum Kern-Ensemble. Sie macht den Anfang, geht zu jeder Person hin, blickt sie an und stellt sich mit ihrem Namen vor: „Ich bin Sarena“, „Mein Name ist Sarena“. Alle anderen machen es ihr nach. Trainer Dodzi stellt sich auf Gebärdensprache vor, das wird von einer Kommunikationsassistentin gedolmetscht. In der nächsten Runde sollen sich alle mit einer Gebärde für ihren Namen vorstellen: Dazu denkt sich jeder eine charakteristische Geste aus.

In der dritten Runde kommen zu den Gesten Bewegungen, Geräusche oder Berührungen hinzu. In der Lautsprache wird zwischen Deutsch und Englisch gewechselt, weil ein Teilnehmer sich mit Englisch wohler fühlt.

Im Anschluss an die Methoden aus den Bereichen Tanz, Musik oder Theater reflektieren alle die Übung auf didaktischer Ebene. Vor allem das Feedback aus der Perspektive von Teilnehmenden mit Einschränkungen ist wichtig.

„Nicht die Menschen sind behindert. Die Umwelt behindert sie“, stellt Sarena fest. Als Trainerin ist es ihr wichtig, dass die Teilnehmenden bei den künstlerischen, kreativen Übungen und Performances im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Beste aus sich herausholen können. „Es geht nicht darum, sich untereinander zu vergleichen, sondern seine individuellen Stärken zu entdecken.“

Je heterogener (in Hinsicht auf z.B. Alter, professioneller Background und Behinderungen) die Gruppe in den nationalen Workshops ist, desto besser ist es für die Forschung und die späteren Ergebnisse. In einem weiteren Schritt werden die Tools noch mit Laien, z.B. in Jugendzentren erprobt.

Spoiler: Praktische Tipps für die Planung und Organisation
Eines stößt Lisette Reuter bitter auf: Die wahren Hindernisse bei der inklusiven Arbeit seien nicht in der Behinderungen der Menschen begründet, sondern dass man bei der Organisation von Projekten überall auf Barrieren stoße.

Ein paar Beispiele aus der Praxis gefällig? Weil der Blindenhund einer Teilnehmerin nicht in ein griechisches Hotel durfte, musste sie in einer Ferienwohnung, abseits der Gruppe, untergebracht werden. Bei der Flugbuchung mussten mehrere Telefonate mit der Airline geführt und Formulare verschickt werden, ehe der Blindenhund überhaupt mit an Bord durfte. Da man sich in anderen Ländern nicht darauf verlassen kann, dass Hotels barrierefrei sind, muss man die Projektpartner im Ausland bitten, diese vorab zu besichtigen und zu prüfen. Für Rollstuhlfahrer/-innen sind im ICE der Deutschen Bahn nur begrenzt Plätze verfügbar, diese müssen rechtzeitig reserviert werden. Teilnehmende im Rollstuhl müssen dann von Bahnhof abgeholt werden.

All diese Umstände gehören zu den „allgemeinen Prinzipien“ inklusiver Arbeit. Sie müssen immer mitbedacht und im Vorfeld gut geplant werden. Auch Pausen müssen eingehalten oder Arbeitstage allgemein kürzer geplant werden. Generell müssen Organisation und Inhalte inklusiver Projekte auf den Bedarf jedes einzelnen Teilnehmenden abgestimmt werden. Deswegen wird es eine Checkliste im Handbuch geben mit notwendigen Tipps für die praktische Umsetzung.

Bevor 2020 das Handbuch online oder als Print gegen eine Schutzgebühr erhältlich sein wird, werden die vorläufigen Forschungsergebnisse bereits im Laufe dieses Jahres sowie im kommendes Jahr auf verschiedenen internationalen Events und Konferenzen, z.B. im Rahmen des ALL IN Symposiums (angeschlossen an das Sommerblut Festival 2020) präsentiert.

(JUGEND für Europa)

Weiterführende Informationen

Link: Der nächste Workshop im Rahmen des Projekts Creability findet vom 11.bis zum 12.05.19 im Pusteblume-Zentrum, Köln Neuehrenfeld statt. Weitere Infos und Anmeldung

Link: Mehr Informationen zu Creability sowie zu den beteiligten Partnern finden Sie auf der Projektseite von Un-Label

Link: Mehr Informationen zu der Förderung von Strategischen Partnerschaften erhalten Sie auf unserer Programmseite zu Erasmus+ JUGEND IN AKTION