RESIDENZ:sound als bühne
In den kommenden Monaten verwandelt sich das Un-Label Studio in einen ganz besonderen Hörraum. In einer Residenz erforscht der Musiker, Komponist und Toningenieur Benedikt Fuchs gemeinsam mit Kolleg*innen aus verschiedenen künstlerischen Bereichen und mit unterschiedlichen Behinderungsperspektiven Spatial-Audio.
Beteiligte: Joy Bausch, Agnese Forlani, Benedikt Fuchs, Said Gharbi, Max Greyson, Raissa Mehner, Carlie Schoonees
Über die Residenz
Das Wiedergabeverfahren Spatial Audio macht Klang dreidimensional im Raum erlebbar. Es simuliert, wie wir Schall in der echten Welt wahrnehmen: Sound kommt nicht mehr nur starr von links und rechts (Stereo), auch nicht von vier Seiten (Surround), sondern umgibt die Zuhörenden von allen Seiten – sogar von oben und unten – und wird dadurch zu einem vollständigen immersiven (Hör-) Erlebnis.
In den vier Recherchelaboren Musik, Performance, Hörspielkunst und Soundräume steht die Frage im Zentrum, wie sich Dramaturgie und Hörerlebnis verändern, wenn räumliches Audio nicht erst am Ende einer Produktion hinzugefügt wird, sondern bereits fester Bestandteil des Kompositions- und Entstehungsprozess ist.
Das LABOR:musik verfolgt den Ansatz, Musik direkt innerhalb und für ein Spatial-Audio-System zu komponieren und im Spatial-Audio-Konzertraum vor Publikum zur Aufführung zu bringen. Die musikalische Sprache bewegt sich in einem experimentellen Spannungsfeld zwischen Jazz, Neoklassik und zeitgenössischen popmusikalischen Einflüssen.
Im LABOR:performance wird die im Theater häufig noch bestehende Grenze zwischen Zuschauer*innenraum und Bühnenraum, also die klassische Bühnensituation, aufgehoben. In der Versuchsanordnung befinden sich sowohl die Performer*innen als auch die Besucher*innen im selben Spatial-Audio-Raum. Dies bedeutet, dass alle dasselbe Bühnenerlebnis und dieselbe Hörerfahrung teilen.
Im LABOR:hörspielkunst geht es vor allem um die Auseinandersetzung mit Stimme(n) und Text. Wie verändert das Wissen um das Schreiben für einen Spatial-Audio-Raum den Schreibvorgang an sich? Auch der Gesamtkomposition aus Stimme(n), Sounddesign und Musik kommt eine wesentliche Bedeutung zu. Wie wird eine Hörspiel-Komposition angelegt, wenn statt vier Lautsprecher, sechzehn oder mehr Lautsprecher zur Verfügung stehen?
Im LABOR:soundräume werden unterschiedliche Realitäten simuliert: Wie klingt es, auf dem Mount Everest an einem sonnigen Tag zu stehen? Oder mitten im Urwald zu sein, während um einen herum Millionen von Regentropfen fallen? Immersive Soundräume können uns auf eine Reise um die Welt mitnehmen, die minütlich an einen anderen Ort gelangt, ohne das wir uns von der Stelle bewegen müssen. Im vierten Rechercheteil geht es um das realitätsnähe Erschaffen von Soundwelten, die viele Menschen noch nie oder sehr selten jemals erlebt haben.
Die unterschiedlichen Recherchen münden in abschließenden Sharings/Präsentationen und werden dort erstmalig mit einem Publikum geteilt und diskutiert. Ziel der Recherchen ist es, die künstlerischen und inklusiven Möglichkeiten eines Bühnen- und Besucher*innenraums, der aus einem Spatial-Audio-System besteht, zu untersuchen und für zukünftige künstlerische Arbeiten nutzbar zu machen.
Sharings
Sharing: Musik in 3D
4.11.26, 19 Uhr
Sharing: Audio in 3D
11.12.26, 19 Uhr
Wo: Un-Label Studio, Hosterstraße 1-5, Köln (barrierefrei)
Eintritt frei. Alle sind willkommen!
„Durch Spatial Audio entstehen neue kompositorische Mittel, die vorher nicht da waren. Und damit auch mehr Möglichkeiten, Emotionen zu transportieren. Musik muss nicht mehr gedrungen auf zwei Kanäle gemischt werden, sondern mischt sich bei Spatial Audio auch zum Teil im Raum, wodurch mehr Dynamik und mehr Tiefe entsteht. Ein interessantes Experimentierfeld.“
Künstler*innen
Für die Umsetzung der Recherche arbeitet Benedikt Fuchs als künstlerische Leitung gemeinsam mit der neurodivergenten Komponistin Carlie Schoonees, dem blinden Audio-Engineer und Experten Joy Bausch, der Jazz-Gitarristin Raissa Mehner, dem blinden Tänzer Saïd Gharbi, der Performerin und Choreografin Agnese Forlani sowie dem Autoren und Experten für künstlerische Audiodeskription Max Greyson zusammen. Durch die unterschiedlichen musikalischen und künstlerischen Hintergründe entsteht ein diverses Ensemble, das verschiedene kompositorische, performative und schreibende Ansätze innerhalb des Spatial-Audio-Kontextes einbringt.
Benedikt Fuchs (Künstlerische Leitung) ist Musikproduzent, Komponist, Toningenieur (B.Eng.) und Musiker. Nach Studien an der Robert-Schumann-Hochschule und der Popakademie Baden-Württemberg arbeitet er an der Verbindung elektronischer und akustischer Klangwelten zwischen Pop, experimenteller Musik sowie Theater- und Medienformaten. Sein Fokus liegt auf der Kreation von immersiven Hörformaten und Spatial Audio als kompositorischem Werkzeug.
Die Arbeit von Benedikt Fuchs wurde in seiner jungen Karriere bereits mit wichtigen Preisen ausgezeichnet – dem Silver Award 2022 bei der Recording Competition der Audio Engineering Society im Bereich Studio Production (internationaler Wettbewerb des größten internationalen Verbandes der Audio-Welt) und dem Silver Award 2025 bei der 3D-Audio-Competition des VDT und des ORF (internationaler Wettbewerb) für seine 3D-Audio Komposition Catching November. Er wirkte im Kontext der klassischen Musik bei Opernproduktionen des Labels Naxos und bei den Essenern Philharmonikern mit. Im Jazzbereich arbeitete er als Produzent, u.a. mit dem Trompeter Markus Stockhausen und dem Flötisten Dinesh Mishra.
Benedikt Fuchs ist zudem als Musiker und Komponist für Theaterproduktionen und Performances der freien Szene in Köln und Bonn tätig. Er arbeitete für u.A. für Produktionen von Un-Label (24 Hebel für die Welt – Nachrichten aus der Winterreise, BOTIN, RoboLAB Festival, bemb), the beautiful minds e.V. (für Filmproduktionen, Hörspielproduktionen und Theaterproduktionen), des Sommerblut Festivals und diverse freie Filmprojekte. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit ist das Arrangieren und Komponieren für Streichquartette, wofür er mit einem Quartett zusammen die Lotzsessions ins Leben gerufen hat.
Joy Bausch ist blinder Dozent, Musiker und Songwriter im Rock und Metalbereich. Seine Instrumente sind Akkordeon, Keyboard, Gitarre und Bass. Eine Ausbildung zum Audio-Engineer erhielt er an der Akademie Deutsche Pop. Als Experte für auditive Bühnennarrative mit der Behinderungsperspektive Sehen arbeitete er für div. Produktionen u.A. am Schauspielhaus Düsseldorf, der Comedia Köln und Un-Label.
Agnese Forlani wurde in Rimini geboren und lebt heute in Antwerpen. Nach einem zweijährigen Studium des zeitgenössischen Tanzes in Mailand (Artichoke) (2016–2018) zog sie nach Belgien und schloss ihr Studium am Königlichen Konservatorium Antwerpen mit einem Bachelor in Tanz ab (2018–2021). Sie arbeitet als Performerin und Choreografin und verbindet ihre Erfahrung in Bewegungs- und Choreografiearbeit mit ihrem Interesse an Kostüm und Bühnenbild.
Said Gharbi wurde in Marokko geboren und zog Ende der 1960er Jahre mit seiner Familie nach Belgien. Mit 14 Jahren erblindete er. Als junger Erwachsener traf er 1992 den flämischen Choreografen Wim Vandekeybus (Ultima Vez), während er sich an der Brailleliga weiterbildete. Von 1992 bis 2001 arbeitete Saïd regelmäßig mit Vandekeybus zusammen. Danach gründete er mit Ana Stegnar die Kompanie Les BGM und schuf mehrere Tanztheaterstücke. Sein Solo Clair Obscur (2015) wurde von Ivan Vrambout inszeniert. 2016 kehrte er zu Ultima Vez zurück und spielte in Mocumentary of a Contemporary Saviour. Seit über zehn Jahren ist Saïd in Tanz- und Theaterprojekten in Belgien und anderen Ländern (Frankreich, Deutschland, Niederlande) aktiv. Er arbeitete als Tänzer oder Schauspieler unter anderem mit cie Acajou, cie La Coma und Dries Verhoeven. Außerdem spielte er in den Kurzfilmen Music for Bat Caves und Isomo project. In den letzten Jahren engagierte er sich auch pädagogisch: Er leitete Workshops zum Thema Sehbehinderung in verschiedenen Projekten und Festivals (z. B. in Tunesien, Madagaskar, Frankreich, Spanien und Deutschland). Saïd gibt regelmäßig Workshops zum Thema Sehbehinderung für verschiedene Organisationen.
Max Greyson ist ein Dichter, Performer und Theatermacher aus Antwerpen. Er tritt als Solo-Spoken-Word-Künstler in Flandern und den Niederlanden auf und ist ein zentrales Mitglied von Un-Label. 2015 wurde Max Greyson Vize-Champion der niederländischen Poetry-Slam–Meisterschaften. Ein Jahr später veröffentlichte der Verlag De Arbeiderspers seine erste Gedichtsammlung Waanzin went niet. 2019 folgte seine zweite Sammlung Et Alors, und in den Jahren 2021 und 2023 erschienen sein Debütroman Een waarschijnlijk toeval sowie seine dritte Gedichtsammlung Dramaturgie van het loslaten. Seit 2019 ist er als künstlerischer Forscher am Königlichen Konservatorium Antwerpen tätig. In seinen Forschungsprojekten ArtInAD und Speaking Figures entwickelt er Methoden zur künstlerischen Integration von Audiodeskription für blinde und sehbehinderte Menschen sowie andere Formen der „ Aesthetics of Acess“ im zeitgenössischen Tanz und Musiktheater. Außerdem ist er künstlerischer Leiter von ARType vzw, einer Organisation, die Musiktheater-Produktionen realisiert , künstlerische Projekte mit sozialer Relevanz koproduziert und Künstler*innen dabei unterstützt, ihre inklusive Praxis weiterzuentwickeln.
Raissa Mehner E-Gitarristin und Komponistin aus Köln, begibt sich mithilfe diverser Effektgeräte und Präparationen auf die ständige Suche nach neuen Soundvariationen, um „ihr musikalisches Universum in alle möglichen Richtungen auszudehnen“ (Jazzthing, 2022). Sie studierte Jazzgitarre, Klassische Gitarre und Komposition an der Hochschule für Musik und Tanz Köln und der Folkwang Universität der Künste in Essen.
Als Bandleaderin und Komponistin konzentriert sie sich auf die Arbeit mit ihrem Quintett Raissa Mehner Deviation. In ihren Duos wehnermehner (Git/Posaune) und Double Exposure (Git/Vibrafon) zelebriert sie eine verspielte und kommunikative Art der Improvisation. In ihrem Trio TOXODON (Git/Vib/Dr) ballert sie schroffe Independent-Riffs über heftige Beats. Sie ist außerdem Teil des übergroßen Krautrock-Impro-Orchesters The Dorf und des experimentellen Jazz-Pop-Quintetts LARIZA.
Carlie Schoonees ist eine südafrikanische Komponistin, lebt und arbeitet in Köln. Sie arbeitet in den Bereichen Instrumentalmusik, Musiktheater, elektroakustische Musik sowie in multimedialen, performativen und interdisziplinären Zusammenhängen. In ihrer Musik setzt sie sich häufig mit psychologischen Themen auseinander, darunter auch mit ihrer eigenen Neurodivergenz. Dafür nutzt sie Texte, aus der Natur entlehnte Metaphern sowie musikalische und performative Gesten. Schoonees’ Werke wurden unter anderem bei Festivals wie Acht Brücken (2024), dem ORBIT Festival for Contemporary Theatre (2024), AvantGarten Liedberg (2020) sowie dem südafrikanischen Woordfees (2018) in Auftrag gegeben und aufgeführt. Im Rahmen der Konzertreihe Adventure hatte sie drei Uraufführungen mit dem Ensemble Musikfabrik, nahm an Workshops mit Ensembles wie dem JACK Quartett teil und erhielt einen Kompositionsauftrag der Universität Bonn, der im Beethoven-Haus in Bonn uraufgeführt wurde. Nach ihrem Kompositionsstudium an der Stellenbosch University, Südafrika, bei Hans Roosenschoon zog sie 2019 nach Köln. Dort schloss sie zwei Masterstudiengänge – Instrumentalkomposition und Elektronische Komposition – an der Hochschule für Musik und Tanz Köln ab. In dieser Zeit studierte sie unter anderem bei Sergej Maingardt, Michael Beil, Annesley Black, Brigitta Muntendorf und Miroslav Srnka.

